Die grausige Geschichte vom Döbriacher Bauernaufstand
Der sagenhafte Domitian
Der Döbriacher Jungfernsprung
Der Döbriacher Lachsenkrieg
Der "Wilde Mann Stein"

Der Döbriacher Jungfernsprung

Bevor der Millstätter See in den flachen Badestrand von Döbriach ausklingt, steigt hinter der Pension Seevilla eine mächtige Felswand beinahe senkrecht aus dem Wasser. Sie gleicht einer gewaltigen Naturkanzel und ist auf dem Scheitel durch ein Eisengitter abgesichert, um die Besucher vor einem Sturz in die schwindelnde Tiefe zu bewahren. Die mehr als hundert Meter aus dem Wasser ragende Felsenkanzel gewährt einen herrlichen Blick auf den Döbriacher Badestrand und auf die anschließende Talweitung. In ihrer Nähe besitzt der See die tiefste Stelle.

Durch diesen Felsen haben bereits vor Jahrhunderten fleißige Fäuste im Solde der geistlichen Herren von Millstatt eine brauchbare Straße geschlagen. Nach der Jahrhundertwende baute man eine zweite Straße tiefer durch den Felsen, um ihr eine ausgeglichene Steigung zu geben. Diese Straße wurde vor wenigen Jahren weite ausgebaut und mit einem Parkplatz versehen. Gerne halten hier die Autofahrer, um bei der "Hohen Wand" oder bei "Jungfernsprung", wie die Einheimischen diese Landschaftlich schöne Felsszenerie nennen, einen staunenden Blick auf das prachtvolle Zusammenspiel von Land und Wasser vor den Toren Döbriachs zu tun.

Wenn man der Überlieferung glauben darf, hat sich hier vor etwa drei Jahrhunderten eine tragische Szene abgespielt. Als die Jesuiten die Herrschaft Millstatt verwalteten war im Stift Pater Klement, ein junger aufgeschossene Frater, den die schwarze Kutte noch länger zu mache schien, dem Zehentmeister zugeteilt. Er hatte all Abgaben gewissenhaft in ein Buch zu verzeichnen, wenn ,an den vorgeschriebenen Tagen die Bauern mit ihren Wagen brachten, was man von ihnen fordern durfte. Pater Klement fühlte sich in seinem Amte wohl, da er gern mit den Untertanen verkehrte.

Als einmal der Brandner von Matzelsdorf auch seine zwanzigjährige Tochter mit einer zweiten Ochsenfuhre nach ihm ins Millstätter Kloster fahren ließ, vergaß Pater Klement etliche Maßel Getreide in sein Protokoll aufzunehmen. Seine Blicke trafen immer wieder die bildhübsche Jutta von Matzelsdorf, und als diese ihr Gefährt wieder heimwärts lenkte, sah er der Jungfer nach, bis sie hinter einem Haus verschwand.

Die folgende Nacht fand Pater Klement in seiner engen Zelle keinen Schlaf. Vor seinem Auge sah er immer wieder Jutta, die blonde Tochter eines Untertanen, und in seiner sonst so gehorsamen Seele bäumte sich eine unbeschreibliche Kraft gegen das Gelübde auf, das er dem Orden gegeben hatte. In den nächsten Tagen nahm in Pater Klement die Liebe zu Jutta von Matzelsdorf überhand über die Schranken seines Gelübdes. Am Sonntagnachmittag wanderte er gegen Obermillstatt und über Lammersdorf und Sappl nach Matzelsdorf. Als sich die Sonne gegen das Tauemgebirge neigte, setzte er sich an einer Weggabelung unter das Blätterdach eines Apfelbaumes. Erst wenn das Dunkel diese Landschaft erfüllte, wollte er sich dem Brandnerhaus nähern und durch die Fenster spähen, bis er den blonden Lockenkopf entdeckte. Pater Klement sah lange zu den Hohen Tauern hin, und eine nervöse Unruhe kochte in ihm, weil die Sonne noch immer nicht den Horizont erreichte. Wohl lag drunten der See schon im grauen Dämmer, hier oben aber spielte noch immer das Licht des Tages in den Fenstern der wettergrauen. Bauernhäuser.

Plötzlich zuckte der Pater zusammen. Ein harter Schuh hatte an einen Steinkopf geschlagen. Blitzschnell drehte sich Pater Klement um. Er wollte seinen Augen nicht trauen. Jutta ging hinter dem Baume vorüber, abwärts, dem See entgegen.

"Gelobt sei Jesus Christus!" stammelte das Mädchen und errötete beinahe. Der Pater vergaß heute auf sein "in Ewigkeit". - Als wäre in ihm ein Sturzbach ausgebrochen, so brodelte es in seinem Innern. So unerwartet war diese Begegnung gekommen, daß er die Umgebung vergaß, und keine Hemmung mehr fühlte. Mit beiden Armen wollte er hier am Wege das Mädchen ergreifen und an sich reißen Jutta merkte wohl die Absicht des Paters und war darob so erschrocken, daß sie zu rennen begann. Der Bruder folgte ihr, daß sein Habit wunderlich in der Landschaft wehte. Jutta verstand nicht, was der Verfolger hinter ihr stammelte. In ihrer Seele hämmerte nur die eine Überzeugung: "Der Pater will was von mir! - Er hat mich schon in Millstatt so groß angeschaut." Und Jutta rannte, was ihre Kraft erlaubte, den Weg ins Starfach hinunter. Pater Klement folgte ihr unmittelbar, und ein paarmal glaubte er, das Mädchen an seinen Schultern zu fassen. Jutta begann zu keuchen, zu schreien. Der Pater begann zu fluchen - böse Worte aus dem Munde eines Geweihten. Jutta fühlte bereits die Fingerspitzen des Verfolgers über ihren Rücken tasten. Ihr schien es, als würde sie die brennenden Krallen eines Teufels spüren. "Nein! - Nein! - Er darf mich nicht erwischen!"

Jutta riß den letzten Rest ihrer Kraft zusammen und sprang vom Weg nach rechts ab - gerade auf die Hohe Wand zu. Ehe sie kraftlos zusammenbrach, verloren ihre Füße den Halt und sie stürzte in den gähnenden Abgrund. Pater Klement folgte ihr in die unheimiche Tiefe. Hochauf schlug das gurgelnde Wasser und verschlang den Mönch in seinem nassen Schlund - Jutta aber teilte mit starken Armen das Wasser und stieg am flachen Ufer von Döbriach wieder ans trockene Land.

Aus "Matthias Maierbrugger - Urlaub am Millstätter See", Verlag Johannes Heyn Klagenfurt 1977.