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Der Döbriacher Lachsenkrieg
Nicht immer gab es in Döbriach jenen ländlichen Frieden, wie ihn jetzt die Urlauber antreffen und zu schätzen wissen. Dieser Friede wurde vor zwei Jahrhunderten wegen des Fischfanges im Millstätter See derart gestört, daß man in Döbriach förmlich von einem "Lachsenkrieg" zu sprechen begann.
Uralt waren die, Fischereirechte der benachbarten Grafen von Ortenburg und ihrer Nachfolger bis herauf zu den Fürsten von Porcia im Millstätter See und im Riegerbach. Der Seefischer dieser Herrschaft hatte im Ausfluß des Sees, vor dem gegenwärtigen Seehotel Steiner und vor der Mündung des Seebaches, in die Lieser durch einen hohen "Lachsfürschlag" während der Zeit des Fischfanges den See derart gestaut, daß das Wasser auf die Döbriacher Äcker und Wiesen hineinstig. Dadurch wurde wiederholt die Ernte vernichtet, und die Döbriacher Bauern waren in solchen Jahren nicht in der Lage, den vollen Zehent ihrer Herrschaft nach Millstatt abzuliefern.
Die ersten Klagen wegen dieses traurigen Mißstandes tauchten im Jahre 1638 auf. Damit der Zehent aus Döbriach aber nicht geschmälert werde, haben sich sein jesuitischer Superior und der Hofrichter von Millstatt wiederholt beim Fürsten von Porcia für das Recht ihrer Döbriacher Untertanen eingesetzt. Wohl gab es nach jeder Fürsprache eine "beschau" in Döbriach. Der Schaden wurde auch geschätzt und aufgenommen. Es gab Versprechungen, daß der Mißstand abgestellt werde. Doch geschehen ist nichts. Und Schaden wurde auch keiner ersetzt.

Das fruchtbare Land zwischen dem kleinen Döbriach, das damals nur bis zum jetzigen Hotel Burgstaller reichte und dem normalen Ufer stand weiterhin jeden Sommer unter Wasser. 1722 schrieb Bartlmä Angerer, der Vikar von Döbriach, in seine Pfarrchronik:
"In diesem jar hat man großen schaden erliten alda wegen des aufstehenden see, sintemalen in dem halben feldt alles Traidt ertrunkhen is. Daher ich mich eiffrig bemühet habe, die nachbarschaft zusamen zu bringen, das sie sich bey ihrer Instanz, dem pater Superior, beklagen solt."
Die Klage wurde daraufhin in Millstatt vorgetragen, und über den Erfolg berichtet der Vikar weiter:
"Zwei von Döbriach seyen nachgehents abgeordnet worden nach Seepoden zu gehen, umb zu sehen, was für ein beschaffenheit beym fürschlag an ausfluß sey. So hat man befunden, daß keyn einzigs thörl beyrn fürschlag offen gewesen, durch welches das wasser seyn außgang haben mechte. Die relation haben sie zuruckh gebracht, worüber Euer Hochw. Pater Superior Mathias Janschitz ein bericht erstatte, nachher Spital ein augenschein zu treffen, weil der fürschlag dort merkhlich umb etwas hecher gebaut worden."
Wieder gab es schöne Worte, eine Schadenaufnahrne von 226 Gulden, jedoch keine Abhilfe. Die fruchtbaren Fluren im Döbriacher Feld standen weiterhin unter Wasser. 1724 war der See bis aufs halbe Feld heraufgestanden, mithin mußte alles ertrinken, berichtet die Döbriacher Pfarrchronik weiter. Man schätzte den ungefähren Schaden auf 500Gulden. Der Superior schickte wieder einen ausführlichen Bericht in das Schloß nach Spittal. Daraufhin kam es zu einer Besichtigung in Seebach, an der Fürst Hannibal Alphons von Porcia mit seinem Landrichter, sowie der Superior von Millstatt mit seinem Hofrichter und eine Abordnung der geschädigten Bauern aus Döbriach erschienen. Der Fürst von Porcia glaubte sich aber im Recht, wurde sehr zornig, und man ging unverrichteter Dinge wieder auseinander. Im kommenden Jahre reichte der See bis zu den Häusern herein. Weil die Vorsprachen und Besichtigungen auch diesmal ohne Erfolg blieben, wurden die Döbriacher schließlich rebellisch und griffen zur Selbsthilfe.
Alle zogen sie mit, die Bauern mit ihren Knechten und die Keuschler. Hacken und Sapine nahmen sie mit nach Seeboden und schlugen fast die Hälfte des Fürschlages in Trümmer, damit das Wasser endlich abfließen konnte. Von Spittal aus wurde dieser Selbsthilfeakt als Landfriedensbruch nach Klagenfurt gemeldet, und auch der Superior wurde der Mitschuld verdächtigt. Der Superior erklärte jedoch, daß der Gewaltakt ohne sein Wissen geschehen sei und bat wieder um endliche Abhilfe dieser leidigen Sache.
Nun wurde ein Ausgleich zugesagt: die Herrschaft werde ein Türchen mit "Fischkalter" in den Fürschlag machen, doch die Döbriacher müßten wegen der "geschehenen gewalt" nach Spittal kommen und dort Abbitte leisten. Tatsächlich erschien der Hofrichter von Millstatt mit einigen Bauern im Spittaler Schloß. Der Fürst hatte an dieser Sache sein Vergnügen, empfing die Bauern gar nicht, sondern lachte sie aus und geruhte, sie in Gnaden zu entlassen. Die Döbriacher Pfarrchronik vermerkt 1757 als das schlimmste Jahr:
"Der See ist, solang Döbriach steht, niemals so weit aufgestanden als dises jar. Und wann in disen sachen kein Einsehen und kein Vermittlung gescheh mit den gnädigen Fürsten zu Spittal wegen den Fürschlag in Seepoden, so mueßten die Döbriacher bettler werden."
Erst 1791 wurden die Döbriacher von ihrer Wassernot erlöst. Der Hofrichter Ferdinand Lang von Millstatt erwirkte beim Kreisamt in Villach, daß der Herrschaft Porcia in Spittal kurzfristig und unwiderruflich der Auftrag erteilt wurde, den Fürschlag in Seeboden niederzubrechen. Nun wurde das Zimmerwerk abgetragen, und dabei stellte sich heraus, daß dort ein doppelter Boden vorhanden war, so daß also ein Fürschlag auf dem anderen stand, wodurch dort die widerrechtlich hohe Stauung entstanden war. Den ganzen Sommer über wurde der Seeabfluß von Untertanen der Spittaler Herrschaft in Form von Robotleistungen geräumt. Dann wurde ein neuer Fürschlag gebaut. Er war wieder zu hoch. Nach einem energischen Protest der Döbriacher wurde der neue "Laxenfang" um etliche tausend Schritte weiter hinabverlegt. Als das Hochwasser des Jahres 1792 dieses "gepey" zerriß, mußten die Bauern von Gschriet - eine Ortschaft am Westabhange des Mirnock, die an Döbriach grenzt, aber bereits zur Herrschaft Porcia gehörte 600 Baumstämme für die Wiederaufrichtung liefern.
Damals benahmen sich die Gschrieter Bauern als schlechte Nachbarn und holten das geforderte Bauholz ungefragt aus dem Bergteil der Döbriacher. So hatten die Döbriacher Bauern wegen des verfluchten Lachsenfanges noch einen letzten großen Ärger.
Das Wasser aber, in dem durch anderthalb Jahrhunderte ihre Äcker und Wiesen ersaufen mußten, kam nicht wieder. Auf einem Teil dieser Gründe breitet sich jetzt das freundliche Groß-Döbriach aus, wo in der Seestraße und Gartenstraße, sowie an ihren Nebengassen die schönen Neubauten des beliebten Erholungsdorfes stehen.
Aus "Matthias Maierbrugger - Urlaub am Millstätter See", Verlag Johannes Heyn Klagenfurt 1977.